IT-Souveränität hat viele Dimensionen – und viele lösbare Probleme. Dieser Beitrag richtet sich an kleine und mittelständische Unternehmen sowie öffentliche und gemeinnützige Institutionen mit bis zu 500 Mitarbeitenden. Er gibt einen Überblick, auf welchen Ebenen Organisationen ihre Daten und IT-Prozesse stärker unter eigene Kontrolle bringen können: einerseits, um rechtssicher im Sinne des Datenschutzes und der gebotenen Sorgfalt zu operieren, andererseits, um im Falle einer internationalen Krise handlungsfähig zu bleiben.
Das Wichtigste in Kürze
- Bei Hardware und öffentlicher Infrastruktur haben einzelne Unternehmen kaum Einfluss – bei Datenspeicherung, Kommunikation und Software dagegen sehr wohl.
- Für die Cloudspeicher der großen US-Anbieter gibt es zahlreiche europäische Alternativen, die oft auch Kostenvorteile bieten.
- E-Mail und Team-Chat lassen sich ohne amerikanische Anbieter abwickeln – beim Umstieg auf MAPI-Unterstützung achten, wenn Outlook bleiben soll.
- Bei Office-Software und Betriebssystemen entscheiden Nutzerakzeptanz und kritische Anwendungen über den richtigen Weg – Schulungen sind eine wichtige Komponente.
Hintergrund
Die Unterbrechung von Lieferketten hat Europa schmerzhaft bewusst gemacht, wie stark es von seinen industriellen Partnern auf anderen Kontinenten abhängig ist. Ereignisse wie die Corona-Pandemie oder die Blockade des Suezkanals durch die Ever Given ließen europäische Apotheken leerlaufen, Bänder stillstehen und Preise für IT-Bauteile und -Produkte heftig und schnell steigen. Diese Beispiele höherer Gewalt zeichnen sich jedoch dadurch aus, dass alle Betroffenen an einem Strang ziehen, um die Folgen möglichst gering zu halten. Spätestens seit der US-Präsident öffentlich darüber räsoniert, die NATO aufzulösen und Grönland zu einem US-Bundesstaat zu machen, müssen Unternehmen sich aber auch fragen: Was wäre, wenn dies einmal nicht der Fall ist? Der CLOUD Act – ein Gesetz, das US-Unternehmen verpflichtet, der US-Regierung die Daten ihrer Kunden zur Verfügung zu stellen, auch wenn diese außerhalb der USA gehostet sind – wäre dann vielleicht nur ein Vorgeschmack auf das, was möglich wäre, falls es einen Konflikt gäbe. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man in aller Nüchternheit sagen: Die europäische Wirtschaft könnte von einem Tag auf den anderen praktisch handlungsunfähig gemacht werden, wenn die amerikanischen Software-Giganten ihre Dienste in Europa einstellen.
Aber auch ohne eine Eskalation wächst die Sorge um die Sicherheit der Daten vor unbefugten Zugriffen in einer zunehmend unter Druck stehenden internationalen Rechtsordnung.
Betrachtungsebenen und Eingrenzung
Die Teile der IT, auf die ein Unternehmen keinen Einfluss nehmen kann, lassen wir außer Acht und nennen sie nur der Vollständigkeit halber: Die IT-Hardware wird derzeit nicht in nennenswertem Umfang in Europa hergestellt, sodass es praktisch keine Optionen gibt, hiesige Produkte einzusetzen. Und auf die öffentliche Infrastruktur haben einzelne Kunden nur marginalen Einfluss – hier hilft bestenfalls eine redundante Anbindung.
Im Entscheidungsbereich eines Unternehmens liegen dagegen drei Elemente: die Speicherung der Daten, die Kommunikationsmittel und die eingesetzte Software. Diese drei sehen wir uns näher an.
Datenspeicherung: Cloudspeicher
Bei der Datenspeicherung geht es um die dauerhafte Speicherung von Dateien, Datenbanken und Kommunikationsarchiven auf an Netzwerke angeschlossenen Medien – also Cloudspeicher, Dateiserver und NAS-Geräte.
Cloudspeicher sind in der Regel von einem Anbieter gemietete Ressourcen. Der Speicherplatz ist nicht durch ein Gerät beschränkt, sondern durch den Vertrag; der physische Speicherort der Daten ist für den Nutzer zunächst nicht relevant und in der Regel auch nicht bekannt. Der Anbieter verteilt die Daten so, dass sie bei defekter Hardware oder lokalen Stromausfällen sicher sind – im Extremfall liegt eine Datei-Kopie auf fünf Kontinenten vor. Das ist einerseits ein Sicherheitsvorteil, kann aber im Hinblick auf Compliance und die Absicherung gegen Zugriffe ausländischer staatlicher Akteure zum Problem werden.
Die großen US-Anbieter Microsoft, Amazon und Google sind mit Azure, AWS und Google Cloud die mit Abstand wichtigsten Akteure weltweit; zusammen machen sie etwa 64 % des weltweiten Marktes aus. Die gute Nachricht: Es gibt zahlreiche europäische Alternativen, die häufig auch Kostenvorteile bieten, da sie oft keine Lizenzierung pro Nutzer erfordern. Wichtig ist, von Anfang an einen Plan zu haben, der lokale Kopien oder vollständige Downloads sicherstellt, um Lock-in-Effekte zu vermeiden.
- Vorteil: Kein Hardwaremanagement erforderlich
- Vorteil: Backups inklusive
- Vorteil: Geringe Supportanforderungen
- Vorteil: Sehr einfache Umsetzung ortsunabhängiger Arbeit
- Vorteil: Keine Anlagenverwaltung nötig – direkte Verbuchung der laufenden Kosten
- Vorteil: Skaliert in der Regel stufenlos und einfach
- Nachteil: Starke Anbieterbindung, hohe Migrationsschwelle
- Nachteil: Dauerhafte und steigende laufende Kosten
- Nachteil: Synchronisierungsvorgänge
- Nachteil: Ohne Internet ist die Arbeit schwierig
- Nachteil: Geringe Kontrolle über den physischen Speicherort der Daten
- Nachteil: Insolvenzen, Verkauf oder politische Konflikte können existenzbedrohend werden
- Nachteil: Keine Kontrolle bei Änderungen der Funktionsweise von Anbieterseite
Datenspeicherung: Dateiserver
Dateiserver können sowohl im lokalen Netzwerk als auch in einem angemieteten Platz in einem Rechenzentrum stehen. Sie haben den Vorteil, dass sich der Großteil der Ausgaben auf die Anschaffung konzentriert – was von Vorteil sein kann, wenn die Organisation von Investitionsprogrammen profitiert. Die Verantwortung für die Speichermedien verlagert sich auf den Betreiber. Da die Verwendung von macOS oder Windows bei einem Dateiserver keine Vorteile bietet, kann hier softwareseitig voll auf europäische Lösungen gesetzt werden. Bei der Hardware ist vor allem die Ausfallsicherheit relevant: Festplatten und Netzteile sind redundant auszulegen, sodass im Betrieb getauscht werden kann.
Dateiserver können auch auf virtuellen Maschinen liegen, was hohe Flexibilität bei Skalierung und Backups bietet. Stehen sie in den eigenen Räumen, sind die physische Sicherung gegen unbefugte Zugriffe und eine unterbrechungsfreie Stromversorgung sicherzustellen. Für Zugriffe von außerhalb des eigenen Netzwerks ist die Einrichtung von VPN-Verbindungen erforderlich.
- Vorteil: Hoher Grad an Kontrolle über Hard- und Software
- Vorteil: Hohe Flexibilität in Auslegung und Sicherung
- Vorteil: Geringe Latenz bei Arbeit im lokalen Netz
- Vorteil: Konzentration der Gesamtkosten auf den Investitionszeitpunkt
- Vorteil: Kontinuierliches Arbeiten auch bei Internetausfall
- Nachteil: Vergleichsweise hohe Supportanforderungen
- Nachteil: Aktualität der Software und Gesundheit der Hardware sind selbst sicherzustellen
- Nachteil: Fernzugriffe müssen extra eingerichtet werden (VPN)
- Nachteil: Geo-Redundanz ist nur durch doppelte Anschaffung zu erreichen
- Nachteil: Alle 5–8 Jahre ist ein Austausch erforderlich
Datenspeicherung: NAS-Geräte
NAS-Geräte sind im Wesentlichen Computer, deren Hard- und Software darauf spezialisiert ist, als Dateiserver in einem lokalen Netzwerk zu dienen. Vieles, was über Dateiserver gesagt wurde, gilt daher auch für NAS-Geräte. Sie bieten den Vorteil, dass die Ersteinrichtung vergleichsweise einfach und preiswert ist und umfangreiche Software für Backup und Wiederherstellung bereits mitgeliefert wird.
Nachteilig ist, dass die für den professionellen Einsatz geeigneten Anbieter (Synology, QNAP) beide in Taiwan ansässig sind. Da sich Taiwan in einem diplomatischen Dauerkonflikt mit China befindet, sind Szenarien denkbar, in denen es zu Ausfällen bei Software-Aktualisierungen oder der Lieferung von Ersatzteilen kommt.
- Vorteil: Hoher Grad an Kontrolle über den Standort der Daten
- Vorteil: Geringe Latenz bei Arbeit im lokalen Netz
- Vorteil: Konzentration der Gesamtkosten auf den Investitionszeitpunkt
- Vorteil: Kontinuierliches Arbeiten auch bei Internetausfall
- Vorteil: Vorgeplante Backup- und Restore-Prozesse
- Vorteil: Geringer Einrichtungsaufwand
- Nachteil: Aktualität der Software und Gesundheit der Hardware sind selbst sicherzustellen
- Nachteil: Fernzugriffe müssen extra eingerichtet werden (VPN)
- Nachteil: Geo-Redundanz ist nur durch doppelte Anschaffung zu erreichen
- Nachteil: Einbruch, Brand etc. können zu Datenverlust führen
- Nachteil: Alle 5–8 Jahre ist ein Austausch erforderlich
Kommunikationsmittel: E-Mail und Chat
E-Mail ist das bei Weitem meistgenutzte Kommunikationsmittel im geschäftlichen Bereich; innerhalb von Organisationen kommen zunehmend Gruppenchats dazu. Theoretisch ist E-Mail ein internationaler technischer Standard, der sich unkompliziert auf rein europäischer Ebene abwickeln lässt. Praktisch nutzen jedoch viele Unternehmen Google- und vor allem Microsoft-Systeme für ihre Mails – aus Nutzersicht, weil Outlook für viele synonym für E-Mail steht, aus Admin-Sicht, weil die großen Mail-Anbieter es zuletzt immer schwerer gemacht haben, die sichere Zustellung von E-Mails fremder Server mit vertretbarem Aufwand zu gewährleisten. Trotz dieser Hindernisse ist es absolut möglich, E-Mail ohne amerikanische Beteiligung abzuwickeln. Wenn die Nutzer auf Outlook bestehen – was oft weniger mit Mails als mit Kalendern und Outlook-Erweiterungen von Branchensoftware zu tun hat –, ist darauf zu achten, dass der Anbieter oder Server das MAPI-Protokoll beherrscht. Ist das der Fall, kann der Umstieg nahtlos erfolgen.
Beim Chat gab es die Unternehmenskommunikation in thematisch organisierten Gruppen lange bevor Microsoft Teams sich etabliert hat. Hier stellt sich weniger die Frage, ob es möglich ist, Slack und Microsoft den Rücken zu kehren, als vielmehr, welche Lösung am besten zu den Abläufen der Organisation passt – viele lassen sich auch komplett selbst verwalten. Insbesondere die Anbindung an gemeinsam genutzte Dokumente, Single Sign-on und die Integration von Telefonie sind Funktionen, die ein Umstieg von MS Teams komplex machen können und daher Beratung erfordern.
Software: Betriebssysteme, Domänen und Office
Bei Betriebssystemen für Notebooks und Desktop-Computer führt Microsoft Windows mit knapp 80 % Marktanteil vor macOS mit rund 10 %. Linux ist im Unternehmensumfeld überwiegend auf Servern anzutreffen. Ob eine Umstellung aller Rechner auf Linux sinnvoll ist, hängt davon ab, ob es unternehmenskritische Prozesse gibt, die mit einer Linux-Umgebung nicht kompatibel sind. Moderne Linux-Systeme bieten mindestens ebenso viel Nutzungskomfort wie Windows; das größere Problem stellen inkompatible Anwendungen dar – Lexware Office, Adobe Photoshop und AutoCAD sind typische Fälle.
Eine lokale Windows-Domäne mit Active Directory regelt den Zugriff auf Dateien, Drucker und andere Netzwerkressourcen gruppenbasiert. Dennoch lässt sich mit überschaubarem Aufwand eine lokale Domäne ohne Windows-Server aufbauen – auf Basis von LDAP, dem internationalen Industriestandard, oder mit Open-Source-Lösungen, die volle Kompatibilität mit Active Directory bieten.
Im Office-Bereich führt die Dominanz von Microsoft zu Vorbehalten der Benutzer, die über Jahre Expertise etwa in Excel aufgebaut haben. Nutzerakzeptanz ist eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg einer Umstellung – Schulungen sind hier eine wichtige Komponente. Generell ist zwischen lokal installierten Anwendungen und Webanwendungen zu unterscheiden: Browserbasierte Lösungen haben Vorteile bei Datensicherung und simultaner Zusammenarbeit und sind unabhängig vom Betriebssystem. In Europa entwickelte und gehostete Lösungen sind Nextcloud, OnlyOffice und Collabora; bei den lokal installierten Alternativen ist LibreOffice klar führend.
Fazit
Die weltweiten Lieferketten sind stark verschränkt, und wir alle haben Grund, uns für eine reibungslose Zusammenarbeit einzusetzen. Es ist dennoch vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen sinnvoll, sich Gedanken zu machen, wie die Arbeitsfähigkeit sichergestellt werden kann, wenn es eine Krise in der interkontinentalen Kooperation gibt.
Aus europäischer Sicht steht vor allem Hardware aus hiesiger Produktion praktisch nicht zur Verfügung – das zu ändern, ist Sache von Politik und Großunternehmen. Es ist aber absolut möglich, die technische Infrastruktur so aufzustellen, dass eine Weiterarbeit auch ohne Hilfe aus dem Ausland möglich ist. Dabei entsteht gleichzeitig ein Effekt für die Binnenkonjunktur, da IT-Budgets in lokalen Support und regionale Infrastrukturen fließen.
Sowohl bei der Kommunikation als auch bei der Speicherung von Daten und der eingesetzten Software gibt es zu den Angeboten amerikanischer Megakonzerne leistungsfähige Alternativen. Welche Umstellung auf welcher Ebene die richtige ist, hängt von vielen Faktoren ab, die am besten vor Ort von Experten beurteilt werden.
Häufige Fragen
Kann ein Unternehmen seine IT komplett auf europäische Anbieter umstellen?
Warum ist der CLOUD Act für deutsche Unternehmen relevant?
Können wir Outlook behalten, wenn wir den Mail-Anbieter wechseln?
Ist LibreOffice ein vollwertiger Ersatz für Microsoft Office?
Passende Leistungen
Verfasst von
Maximilian DalichowIT-Projektleitung